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Werkstoffkunde

S690QL und S960QL: Hochfeste Feinkornbaustähle in der Praxis

· Lesezeit ca. 2 Min.

Hochfeste Feinkornbaustähle wie S690QL und S960QL sind aus dem modernen Kran-, Fahrzeug- und Anlagenbau nicht mehr wegzudenken. Sie liefern Festigkeitswerte, die mit klassischen Baustählen nicht erreichbar sind – und eröffnen damit Konstrukteuren völlig neue Spielräume bei Gewicht und Bauteilauslegung. Gleichzeitig stellen sie in der Verarbeitung höhere Anforderungen. Wer diese kennt und beachtet, holt aus dem Werkstoff das heraus, wofür er entwickelt wurde.

Was die Bezeichnung nach EN 10025-6 aussagt

Die Kurzbezeichnung folgt einem klaren System. Das vorangestellte „S“ steht für Baustahl (Structural Steel), die nachfolgende Zahl gibt die garantierte Mindeststreckgrenze in MPa für die geringste Erzeugnisdicke an: 690 MPa beim S690QL, 960 MPa beim S960QL. Die angehängten Buchstaben präzisieren den Lieferzustand und die Gütestufe:

Der praktische Nutzen: Festigkeit wird zu Gewicht

Die hohe Mindeststreckgrenze ist kein Selbstzweck. Sie erlaubt es, tragende Querschnitte und Wandstärken deutlich zu reduzieren, ohne die Tragfähigkeit zu verringern. Weniger Material bedeutet weniger Gewicht – und genau das zählt überall dort, wo bewegte Masse direkt auf Nutzlast, Reichweite oder Dynamik durchschlägt.

Verarbeitung: anspruchsvoller als klassischer Baustahl

Das feine Vergütungsgefüge, das die Festigkeit liefert, reagiert empfindlicher auf unkontrollierte Wärmeeinbringung als ein gewöhnlicher S235 oder S355. Beim Schweißen ist deshalb eine konsequente Wärmeführung Pflicht: kontrolliertes Vorwärmen, eine begrenzte Streckenenergie und die Einhaltung der Zwischenlagentemperatur. Zu hohe Wärmeeinbringung erweicht die Wärmeeinflusszone, zu schnelle Abkühlung versprödet sie. Beides ist zu vermeiden.

Ein zentrales Thema ist die Gefahr wasserstoffinduzierter Kaltrisse. Diese entstehen aus dem Zusammenwirken von Wasserstoff, einem aufhärtenden Gefüge und Eigenspannungen. Die wirksamen Gegenmaßnahmen sind etabliert:

Auch beim Kaltumformen gelten andere Regeln: Die hohe Festigkeit verlangt größere Mindestbiegeradien als bei niedrigerfesten Stählen, um Anrisse und örtliches Aufhärten zu vermeiden. Biegerichtung relativ zur Walzrichtung und die Erzeugnisdicke spielen dabei mit hinein.

Datenblatt und WPS sind verbindlich

Die konkreten Werte – Vorwärmtemperatur, zulässige Streckenenergie, Zwischenlagentemperatur, Mindestbiegeradien – hängen von Dicke, Verfahren, Nahtgeometrie und Erzeugnis ab. Verlassen Sie sich hier nicht auf Faustwerte, sondern auf das jeweilige Herstellerdatenblatt und eine qualifizierte Schweißanweisung (WPS). Diese Dokumente bilden die Grundlage für ein reproduzierbar sicheres Ergebnis. Ein Werkszeugnis 3.1 nach EN 10204 stellen wir Ihnen auf Anfrage selbstverständlich zur Verfügung.

Kurz gesagt: S690QL und S960QL bringen über ihre hohe Streckgrenze echte Gewichtsersparnis und konstruktive Freiheit – vorausgesetzt, Wärmeführung, Kaltrissvermeidung, Zusatzwerkstoffe und Biegeradien werden konsequent nach Herstellerdatenblatt und WPS umgesetzt.

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