S235 oder S355? Baustahl richtig auswählen
Vor jedem Stahlbauprojekt steht dieselbe Grundsatzfrage: Reicht ein S235, oder muss es ein S355 sein? Beide Werkstoffe gehören zu den unlegierten Baustählen nach EN 10025-2 und decken den Großteil aller Konstruktionsaufgaben ab. Die Wahl entscheidet über Gewicht, Querschnitte, Schweißaufwand und am Ende über die Kosten. Wir zeigen Ihnen, worauf es bei der Auswahl wirklich ankommt.
Was die Bezeichnung verrät
Die Kurznamen folgen einem festen Schema. Das "S" steht für "Structural Steel", also Baustahl. Die nachfolgende Zahl gibt die Mindeststreckgrenze in MPa (N/mm²) für die kleinste Erzeugnisdicke an: S235 garantiert demnach 235 MPa, S355 entsprechend 355 MPa. Wichtig dabei: Diese Werte sind Bezugswerte für dünne Querschnitte. Mit steigender Materialdicke fällt die garantierte Streckgrenze gestuft ab. Maßgeblich sind immer die Tabellenwerte der Norm in Verbindung mit Ihrem statischen Nachweis.
Die Zusätze: JR, J0, J2, K2
Die Buchstaben-Zahlen-Kombination hinter der Streckgrenze beschreibt die garantierte Kerbschlagzähigkeit, also den Widerstand gegen Sprödbruch bei sinkender Temperatur. Geprüft wird die Kerbschlagarbeit im Kerbschlagbiegeversuch nach Charpy:
- JR – Prüftemperatur +20 °C
- J0 – Prüftemperatur 0 °C
- J2 – Prüftemperatur -20 °C
- K2 – Prüftemperatur -20 °C bei erhöhter Mindestkerbschlagarbeit
Je tiefer die Einsatztemperatur Ihrer Konstruktion, desto höhere Zähigkeitsanforderungen sollten Sie wählen. Für ungeschützte Stahlbauteile im Freien oder bei tiefen Betriebstemperaturen ist J0 oder J2 die sichere Wahl, während JR für viele Anwendungen im geschützten Bereich genügt.
S235 oder S355: die praktischen Konsequenzen
Die höhere Streckgrenze des S355 lässt sich direkt in die Konstruktion ummünzen. Bei gleicher Belastung kommen Sie mit kleineren Querschnitten aus, das senkt das Eigengewicht und ermöglicht schlankere Bauteile oder größere Spannweiten. Das zahlt sich besonders dort aus, wo Gewicht ein Kostentreiber ist, etwa bei Trägern, Kranbahnen oder weit gespannten Hallenkonstruktionen.
S235 ist im Einkauf günstiger und bei gering belasteten Teilen oft völlig ausreichend. Wo die Festigkeit nicht der begrenzende Faktor ist, sondern Steifigkeit, Verformung oder schlicht die Geometrie, bringt der teurere S355 keinen Vorteil. Die Faustregel: festigkeitsgetriebene Bauteile profitieren von S355, alles andere fahren Sie mit S235 wirtschaftlicher.
Schweißeignung und Werkszeugnis
Bei der Verarbeitung müssen Sie sich keine Sorgen machen: Sowohl S235 als auch S355 sind in den gängigen Güten gut schweißbar und mit den üblichen Verfahren problemlos zu verarbeiten. Bei größeren Dicken und höheren Festigkeiten lohnt ein Blick auf Vorwärmung und Prozessführung, im Normalfall der täglichen Praxis stellt das jedoch keine Hürde dar.
Für die Dokumentation und den Nachweis liefern wir Ihnen auf Anfrage ein Abnahmeprüfzeugnis 3.1 nach EN 10204 mit. So haben Sie die Werkstoffeigenschaften belegt und für Ihre Qualitätssicherung sauber abgelegt.
Kurz gesagt: Die Zahl im Kurznamen ist die Mindeststreckgrenze in MPa, die Zusätze JR/J0/J2 stehen für die Kerbschlagzähigkeit bei +20/0/-20 °C. S355 erlaubt leichtere und schlankere Konstruktionen, S235 punktet bei gering belasteten Teilen mit dem Preis. Beide sind gut schweißbar. Da alle Festigkeitswerte dickenabhängig sind, bleibt am Ende immer der statische Nachweis in Verbindung mit der Norm entscheidend, und ein Werkszeugnis 3.1 erhalten Sie bei uns auf Anfrage.
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